Gymnasium Wurzen: Schulleiterin stellt sich gegen Jugendprojekt

Gymnasium Wurzen: Schulleiterin stellt sich gegen Jugendprojekt

Sie wollten ins Gespräch kommen, sie wollten angehört werden. Konstruktiv und faktenbasiert wollten die Jugendlichen von Fridays for Future Wurzen um ihr Projekt kämpfen, die seit vielen Jahren ungenutzte Schotterrasenfläche vor dem Gymnasium in eine Naturwiese für Insekten und Kleintiere zu verwandeln.

Nachdem durch den verantwortlichen Verwaltungsmitarbeiter Michael Zerbs im Dezember vergangenen Jahres das Projekt für beendet erklärt worden war, da nach seiner Aussage künftig die Schule dort tätig werden wolle, haben sich die jungen Leute an das Jugendparlament Wurzener Land gewandt.

Dessen Vertreterin, die Wurzener Jugendbeauftragte Lena Wagner, stellte den Antrag, das Thema im technischen Ausschuss zu behandeln, damit sowohl Herr Zerbs seine Gründe für den Abbruch des Projekts als auch die Jugendlichen ihre Projektergebnisse und künftigen Vorhaben vorstellen könnten. Daraufhin hatte Oberbürgermeister Jörg Röglin den Punkt „Weiterführung Projekt Blühwiese vor dem Gymnasium Wurzen“ in die Tagesordnung der gestrigen Ausschusssitzung aufgenommen.

Doch zu Beginn der Sitzung nahm das Stadtoberhaupt überraschend das Thema wieder von der Tagesordnung. Begründung: Das Jugendparlament habe kurzfristig seinen Antrag zurückgezogen.

Dem Antrag von Stadtrat Matthias Lange (Bürger für Wurzen), den Tagesordnungspunkt beizubehalten, um den Jugendlichen doch noch Gehör zu verschaffen, stimmte außer ihm nur noch Stadtrat Peter Poppe (Die Linke) zu, bei drei Gegenstimmen und vier Enthaltungen wurde der Antrag abgelehnt. Nach Gründen für den überraschenden Sinneswandel der Vertreter des Jugendparlaments fragte keiner der Räte.

Erst auf persönliche Nachfrage im Nachgang der Sitzung erklärte Jugendbeauftragte Lena Wagner, sie habe ihren Antrag zurückgezogen, da sie Sorge habe, sie müsste sich im Fall, dass das Thema im Ausschuss besprochen werde, dazu positionieren. Dazu fühle sie sich mangels ausreichender Informationen nicht in der Lage, auch weil Herr Zerbs im Vorfeld der Sitzung für das Jugendparlament nicht erreichbar gewesen sei. Sie sei selbst Schülerin im Gymnasium, habe vonseiten der Schulleitung ganz andere Dinge über das Projekt Blühwiese gehört als von den Jugendlichen von Fridays for Future und wolle nicht in den Konflikt zwischen der Schulleitung und den Jugendlichen hineingezogen werden.

Worin dieser Konflikt zwischen Schulleiterin Martina Schwarzbach und den Jugendlichen besteht, ist nicht so leicht nachzuvollziehen. In der Hausordnung des Gymnasiums steht in § 1 Abs. 2: „Das Schulgelände wird durch einen Zaun begrenzt.“ Da die zur Debatte stehende Grünfläche außerhalb des Zaunes liegt, gehört sie also rechtlich nicht zum Schulgelände, weshalb die Jugendlichen kein Konfliktpotenzial mit dem Gymnasium sahen und ihr Projekt auch von Anfang an nicht mit der Schule, sondern mit der Stadtverwaltung als verantwortlicher Institution verhandelt haben.

Auch die Tatsache, dass die Schule zu diesem Zeitpunkt ein eigenes Projekt Blühwiese innerhalb des Schulgeländes plante, bei dem eine Fläche hinter dem Schulgebäude mit bienenfreundlichen Gewächsen angesät werden sollte, ließ nicht auf Interessenskonflikte schließen. Trotzdem gab es, so die Jugendlichen, von Beginn an seitens Schulleitung und Hausmeisterin Kritik an ihrem Vorhaben.

Hauptsächliches Argument der Schulleitung sei jetzt, so Lena Wagner auf konkrete Nachfrage, dass die FFF-Jugendlichen an der Wiese „nichts gemacht“ hätten. Diese Behauptung lässt sich schwer widerlegen, was daher rührt, dass das ganze Projekt von FFF eben darauf ausgerichtet ist, „nichts an der Wiese zu machen“. Die Jugendlichen wollen nämlich gerade erforschen, wie sich eine Wiese entwickelt, wenn man sie nur noch ein- bis zweimal pro Jahr mäht und der Natur ihren Lauf lässt, welche Pflanzen sich sozusagen „von selbst“ dort ansiedeln und welche Tiere, insbesondere Insekten sich dann einstellen.

Die Arbeit der Jugendlichen bestand im Beobachten, Forschen, Dokumentieren und Recherchieren über die auf ihrer Wiese gefundenen Pflanzen und Tiere. Inzwischen haben sie dazu auch schon recht umfangreiches Material zusammengetragen, welches allerdings bisher weder die Verantwortlichen der Stadtverwaltung noch die Schulleitung noch, wie gestern erlebt, die Mehrzahl der Stadträte zu interessieren scheint.

Welchen Grund Schulleiterin Schwarzbach hat, Anspruch auf die Grünfläche außerhalb des Schulgeländes zu erheben, lässt sich nur vermuten. Auf schriftliche Anfrage unserer Redaktion vom Januar dieses Jahres, ob die von Herrn Zerbs damals so geschilderte Forderung, das Projekt der Jugendlichen zu stoppen, von ihrer Seite gekommen sei, hatte sie noch schriftlich mitgeteilt, dies entspreche „in keinster Weise den Tatsachen. Ich verwahre mich gegen diese Aussage.“

Vor wenigen Tagen allerdings hat sie sich in einem Beitrag, der in der örtlichen Tageszeitung veröffentlicht wurde, das Projekt Blühwiese vorm Gymnasium als eigene Idee an ihre Brust geheftet. Sie wolle gemeinsam mit dem Schulträger, der Stadt Wurzen, auf der nach ihrer Darstellung derzeit ungenutzten Fläche „Wohlfühl-Areale für Insekten und Kleingetier“ schaffen. Keine Rede war in dem Beitrag davon, dass eine Gruppe Jugendlicher dort bisher ein Forschungsprojekt betrieben hat und gerne fortführen will.

Dass vonseiten des Jugendparlaments das Projekt von Fridays for Future keineswegs abgelehnt wird, betonte neben Lena Wagner indes auch Yannick Anders, das zweite Wurzener Jugendparlamentsmitglied. Beide sehen deshalb nach eigenen Aussagen die Notwendigkeit, alle Beteiligten, also Jugendparlament, Stadtverwaltung, Fridays for Future und die Schulleiterin zu einem gemeinsamen Gespräch zu laden.

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